Was sind eigentlich Schauergeschichten?

Cover von Katja Angenent, Die alte Freundin Dunkelheit (Edition Subkultur)
Sammelband mit dunklen Kurzgeschichten: Die alte Freundin Dunkelheit

Ich habe mich bei der bunten Zusammenstellung schwarzer Kurzgeschichten für Die alte Freundin Dunkelheit in den meisten Fällen an den genretypischen Merkmalen für Gothic Novels orientiert, den Vorläufern der heutigen Horrorgeschichten und Horrorfilmen. Die Gothic Novel kam in England zum Ende des 18. Jahrhunderts auf und erfuhr bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts eine lange Blütezeit, während der sich die Art und Ausprägung der Geschichten jedoch immer weiter wandelte – gemeinsam mit dem Fortschreiten der Gesellschaft. Ein kleiner Blick zurück.

Traum oder Alptraum, das ist hier die Frage ...

Im Deutschen heißt das Phänomen Schauerromantik und trat zum gleichen Zeitpunkt, aber nicht ganz so ausgeprägt wie in England auf. Der deutsche Romantiker Novalis fasste das Phänomen mit „Die Welt wird Traum, der Traum wird Welt“ in Worte. Es geht in der Gothic Novel wie in der Schauerromantik um Geschichten, die sich mit allem beschäftigen, das rational (zunächst) nicht erklärbar scheint. Häufig verschwimmen Grenzen in diesen Erzählungen, und hinterher kann der Leser nicht sagen, was Traum und was Wirklichkeit in der Geschichte ist, wo die Phantasie anfängt und die Realität aufhört. Hat da jemand nur schlecht geträumt oder gibt es die sagenhaften Schattengestalten tatsächlich? Das Geheimnisvolle mit all seinen grauenerregenden Konsequenzen steht im Mittelpunkt. Es geht um Grenzüberschreitungen, um eine Konfrontation mit Etwas, das normalerweise nicht da ist, das darum Angst auslöst – beim Protagonisten einer Geschichte, aber auch beim Leser.

Wäre die Welt nicht langweilig, wenn wir uns ihrer absolut sicher sein könnten? Und nicht sicher sein, das können wir vor allem in der Nacht. Wenn wir nicht wissen, was hinter der nächsten Ecke, der nächsten Tür liegt, dann sind wir unsicher, dann kann die Dunkelheit Schrecken gebieren. Und Schrecken, der war auch immer schon interessant und unterhaltsam. Um noch einmal Novalis zu zitieren: „Trägt nicht alles, was uns begeistert, die Farbe der Nacht?“

Dunkle, einsame und verlassene Orte ziehen dunkle, einsame, verlassene Helden an: Katja Angenents "Die alte Freundin Dunkelheit"
Einsam auf dunklen Pfaden unterwegs - wer weiß, was alles im Gebüsch lauert? In den Kurzgeschichten "Falsche Fährte", "Waldspaziergang" und "Verblühtes Frühjahr" ist es die Natur, die Angst macht.

Normal oder unnormal?

Darum darf für derartig zweideutige Geschichten ein entsprechendes Setting nicht fehlen: Dunkle, einsame und verlassene Orte ziehen dunkle, einsame, verlassene Helden an. Alleine sind wir am besten zu ängstigen, denn Menschen als Herdentiere sind alleine weitaus hilfloser als in der Gruppe. Schauplätze sind konsequenterweise seit dem Beginn der Schauergeschichte im 18. Jahrhundert verlassene Ruinen, einsame Herrenhäuser, Burgruinen, sturmumtoste Klippen und dunkle Wälder. Orte, an denen die Ordnung, so wie wir sie kennen, nicht mehr greift; an denen uns Dinge begegnen, die wir nicht be-herrschen, nicht be-greifen können. Uns erschreckt, was nicht alltäglich ist, darum handeln diese Geschichten von sonder-baren, merk-würdigen Momenten, von zwie-lichtigen Orten und schatten-haften Gestalten. Uns ängstigt, was dunkel statt hell, un-bestimmt statt bestimmt, un-heimlich statt heimlig ist; was über unsere Natur hinausgeht, also über-natürlich ist. Oftmals ist es eher der Schatten, den wir nicht ganz wahrnehmen können als der simple Schock beim Anblick eines Ungeheuers, denn der Schatten ist gleich doppelt unbekannt.

Eine Gesellschaft definiert das, was als normal gilt. Alles Unnormale muss sie per se erschrecken – wie der Kannibalismus von Ureinwohnern pazifischer Inseln.  Für die Einwohner, die einer anderen Gesellschaft angehören, ist Kannibalismus hingegen ein ganz normales Verhalten. Wenn jedoch ein westlicher Forscher nach einem Kontakt mit Ureinwohnern ebenfalls dem Kannibalismus frönte, so müsste er notwendigerweise als wahnsinnig gelten, denn er hätte die Regeln der westlichen Gesellschaft gebrochen. Und wer die Regeln einer Gesellschaft bricht, der wird zum Verbrecher. Das Verbrechen ist einzig und allein gesellschaftlich bestimmt. Verbrechen und Wahnsinn aber, das lehrt unter anderem die Gothic Novel, liegen dicht, ja zu dicht, beieinander. Beide durchbrechen das Weltbild einer Gesellschaft, sie brechen mit den Normen und Werten, wie wir sie kennen.

 

Zerbrechende Sicherheiten

Ob sich der Bruch im Gefüge der Welt ganz deutlich zeigt, wie bei Edgar Allan Poes Der Fall des Hauses Usher, wenn am Ende der Geschichte das Haus in Trümmern liegt, oder ob er nur in den Gedanken des Protagonisten existiert wie in Der blonde Eckbert von Ludwig Tieck, wenn sein Erzähler am Ende dem Wahnsinn verfällt – einen Bruch, der alles erschüttert, muss es geben. Denn wenn das Subjekt sich seiner Selbst nicht mehr sicher sein kann, egal, ob in geistiger oder in körperlicher Hinsicht, dann bleibt nur noch die Kapitulation – die in allen Schauergeschichten ausgiebig zelebriert wird.

Erste Werke wie Castle of Otranto  - Der Untertitel A Gothic Story verlieh dem Genre seinen Namen. Es ist sicher kein Zufall, dass die Gothic-Subkultur mit ihren düster geschminkten Individuen ebenfalls so heißt - oder Mysteries of Udolpho sind heute kaum noch lesbar und nur noch zu empfehlen für alle, die zufälligerweise Spaß an Literaturwissenschaften haben. Doch die Klassiker des Genres aus dem 19. Jahrhundert wie Dracula, Dr. Jekyll und Mr. Hyde, Frankenstein oder Jane Eyre (ja, noch immer kommen die besten Geschichten aus England) lassen sich auch heute noch kurzweilig herunterlesen.

Katja Angenent schreibt darüber, was Schauergeschichten sind und packt Fotos von Unsplash dazu.
Geister in einer alten Villa - oder ein simpler Fototrick? In der Geschichte "Schatten am Ende des Tages" geht es darum, was beim Besuch eines so genannten Lost Place alles passieren kann ...

Licht oder Dunkelheit?

Bei all diesen Geschichten geht es darum, aus dem geordneten Alltag auszubrechen; gewissermaßen die Dunkelheit in das Licht zu bringen. Es ist kein Zufall, dass die ersten reinen Schauergeschichten entstanden, als die Aufklärung in Europa den Sieg der Vernunft verkündete. Offenbar brauchen Menschen beides: Die Rationalität des Alltags und etwas Unerhörtes, Fremdes, Dunkles; eine mysteriöse Macht, die die bekannte Ordnung in Frage stellt. Darum gibt es Horror bis heute. Vor allem im Film hat er in seinen verschiedenen Unterarten einen festen Platz in der Unterhaltung.

Die reine Schauergeschichte findet aktuell in anderer Form große Beachtung: Sämtliche Detektivgeschichten, Thriller und Krimis stammen von der Gothic Novel ab. Das ist mal mehr, mal weniger offensichtlich, aber: ob der hervorgerufene Horror nachher aufgeklärt wird (was auch in der klassischen Gothic Story meistens der Fall ist) oder nicht, spielt keine Rolle. Nehmen wir beispielsweise nordische Krimis: Sie enthalten sehr viele Elemente von Schauergeschichten. Der Held, respektive Ermittler, ist ein einsamer Wolf, ein gesellschaftlicher Außenseiter; und in jeder Einsamkeit tun sich Abgründe auf, da das korrigierende Kollektiv fehlt. So sind die Bluttaten derer, die vom Ermittler gejagt werden, oft auch Spiegel seiner Seele. Der Unterschied zum Wahnsinn in der reinen Gothic Novel liegt nur im Ende begründet: Wenn das Unnatürliche aufgeklärt, der Verbrecher verhaftet oder tot ist und die Welt wieder ihren gewohnten Gang gehen kann, dann ist in Detektivgeschichten alles wieder im Lot.

 

Gothic Novels waren von Anfang an nicht als tiefschürfende Traktate gedacht, sondern dienten vor allem der Unterhaltung. Wenn ihr euch beim Lesen von Die alte Freundin Dunkelheit gut unterhalten gefühlt habt, würde mich das freuen.

 

Zum Weiterlesen:

Hans Joachim Alpers, Werner Fuchs, Ronald M. Hahn (Hrsg.): Lexikon der Horrorliteratur. Fantasy Productions 1999.

Roland Borgards: „Das Licht ward entfernt. Zur Literatur der schwarzen Romantik“, in: Felix Krämer (Hrsg.): Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst.S.270 -276. Hatje Cantz 2012.

Norbert Borrmann: Orte des Schreckens, Warum das Grauen überall nistet. Atmosphären 2004.

Christopher Frayling: Alpträume. Die Ursprünge des Horrors. vgs 1996.

Hans-Dieter Gelfert: Kleine englische Literaturgeschichte. C.H. Beck 2005.

James Marriott und Kim Newman: Horror. Meisterwerke des Grauens von Alien bis Zombie. Tosa 2007